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Arbeiten in den USA: Über kulturelle Unterschiede, derer sich Deutsche bewusst sein sollten

rw-admin | 04/07/2016

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Viele mögen es vielleicht nicht glauben, aber die amerikanische Kultur – auch wenn wir überwiegend dem gleichen Wertesystem folgen – unterscheidet sich enorm von der deutschen Lebensweise. Vor allem „think positive!“ ist mir in San Francisco auch und gerade im Arbeitsleben häufig begegnet – manifestiert in zwei bezeichnenden Angelegenheiten: Zum einen benutzt niemand das Wort „Nein“ und zum anderen beschäftigt sich kaum jemand mit Details. Es kommt insofern nicht von ungefähr, dass Deutschland weltweit als das Land der Denker und Amerika als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten gesehen wird. Hier hat sich in dem Kontext ein großes Klischee bestätigt.

“In den USA wird kaum nach Details gefragt!”

Bemerkt habe ich die ersten Unterschiede schon alleine daran, wie mit Ideen und Projekten umgegangen wird. In den USA wird beispielsweise erst das Ziel formuliert, in der Regel in Form einer Vision. Im Anschluss setzen sich die Verantwortlichen dann erst zusammen und überlegen, wie das Ziel schnellstmöglich erreicht werden kann. Währenddessen wird jedoch kaum nach Details gefragt – man legt einfach los und guckt was passiert. In diesem Sinne tritt der Amerikaner als Macher auf. Das wirkt auf viele Deutsche seltsam, denn wir sind es gewohnt zuerst alle Informationen zu sammeln, sie zusammenzufügen und anschließend ein konkretes Bild zu zeichnen.

Die meisten dürften insofern schnell das Gefühl haben, dass die Amerikaner zu impulsiv agieren und sich möglichen Problemen nicht bewusst sind. Diese Einstellung wiederum empfinden Amerikaner als träge. Des einen Stärke ist das Handeln, des anderen die Planung. Beides hat aber seine Vor- und Nachteile, wie ich auch nach fünf Monaten an der Westküste immer wieder feststellen muss.

In den USA herrscht eine andere Gesprächskultur

Interessant ist auch, wie schnell es diesbezüglich in Sachen Kommunikation zu Missverständnissen kommen kann. Denn Amerikaner können beispielsweise mit einem direkten Widerspruch in Form eines klaren „Nein!“ nichts anfangen. Das bedeutet nicht, dass in den USA keine Kritik oder Gegenargumente geäußert werden dürfen. Aber sie müssen positiv formuliert werden: „Dein Gedanke ist nachvollziehbar und gut, aber wir sollten überlegen, ob….“, funktioniert besser als eine direkte Absage à la „Nein, das müssen wir anders machen“. Auf viele Amerikaner wirkt so ein Antwort wie eine Negativhaltung und das wird unweigerlich schiefgehen. Dass derartige Umgangsformen beachtet werden, ist besonders wichtig – auch wenn einige Deutsche darin eher eine unnötige Floskelei erkennen und das als reine Zeitverschwendung sehen.

Und auch das sollten Deutsche bezüglich der Gesprächskultur beachten: Unter „Du bist ein guter Zuhörer“, verstehen Deutsche, dass man sich in Ruhe mit dem Problem des anderen beschäftigt, ihn ausreden lässt und nicht ins Wort fällt. In der amerikanischen Arbeitswelt sorgt so ein Verhalten aber eher für Verwirrung – zumindest, wenn zwischendurch nicht immer wieder auf den Gesprächspartner eingegangen wird. Während Amerikaner mit Gesten wie einem zustimmenden Nicken oder knappen Worten wie „I see“ oder „I agree“ signalisieren, dass sie komplett im Gespräch sind, tendieren Deutsche zum genauen Gegenteil. Amerikaner haben dann oft das Gefühl, dass man mit den Gedanken woanders ist. Sie sind insofern eher aktive Zuhörer.

Unabhängig von der Attitüde, kann es aber auch bei der konkreten Wortwahl zu Missverständnissen kommen. Insofern mögen Amerikaner beispielsweise das Wort „problem“ im beruflichen Kontext überhaupt nicht. Während Deutsche es nutzen, um einer Sorge Ausdruck zu verleihen, benutzen Amerikaner es vor allem, um auf eine aufkommende Krise aufmerksam zu machen. Besser ist „issue“ oder „concern“.

Negative Ehrlichkeit nur in leichter Dosierung

Kurz nach meiner Ankunft in San Francisco wurde ich einmal gefragt, was ich von dem Oktoberfest in Deutschland halte. Ich entgegnete, dass ich es schlimm finde, dass es weitestgehend ein Massenbesäufnis ist und dass die Preise Wucher sind. Damit hat mein amerikanischer Gesprächspartner allerdings nicht gerechnet und fand die Antwort auch nicht besonders charmant – wie ich an seiner Reaktion bemerkte.

Deutsche sollten sich bewusst sein, dass eine fast schon ungefilterte Ehrlichkeit von Amerikanern schnell als ungehobelt wahrgenommen wird. Meiner Erfahrung nach ist es besser eine Reihe positiver Dinge zu beschreiben und dann vielleicht einen oder maximal zwei negative Aspekte einfließen zu lassen – jedoch immer mit einem eher optimistischen Fazit. Das fällt einigen Deutschen schwer, weil sie glauben sich zu verstellen. Zudem bekommen sie unweigerlich das Gefühl, dass es niemanden wirklich interessiert, was man denkt, sondern dass es eigentlich nur um Small Talk geht. Für mich ist das nach wie vor einer der schwierigsten Unterschiede.

Niemand ist euch böse – solange ihr an euch arbeitet

Zugegeben, es warten einige kulturelle Stolpersteine auf Deutsche in den USA. Und wer sich den hiesigen Umgangsformen nicht bewusst ist, wird auch ein paar Mal hinfallen. Klar ist auch, dass sich Ost- und Westküste kulturell unterscheiden. Das Land ist riesig und die Mentalitäten sind nicht überall gleich. Auch im kleinen Deutschland unterscheidet sich im Detail der Berliner vom Schwaben und der Hamburger vom Münchner und dennoch sind einige Eigenschaften tief in der deutschen Kultur verwurzelt – so auch in den USA. Wer jetzt ein wenig Angst hat ins Fettnäpfchen zu treten, kann aber beruhigt sein. Ich habe noch keinen Amerikaner getroffen, der nachtragend ist – solange man an sich arbeitet und sich nicht auf seinen kulturellen Hintergrund ausruht.

Written by: US-Korrespondent Andreas Weck (www.t3n.de/news)